
Bericht der Wümme-Zeitung über die Lesung von Arno Geiger am 19. Oktober 2007 bei Buchstäblich:
Der österreichische Autor Arno Geiger liest aus seinem neuen Erzählband
Von, Meike Rotermund, Lilienthal - Mitarbeiterin der Bremer Tageszeitung.
"Schreiben ist wirklich mein Lieblingsleben", sagt Arno Geiger, der österreichische Schriftsteller, der 2005 für seinen Roman "Es geht uns gut" den deutschen Buchpreis verliehen bekam. Jetzt, zwei Jahre später, führte den Autor die Lesereise für sein neues Buch "Anna nicht vergessen" auch nach Lilienthal.
Es ist ein Erzählband mit einem Dutzend Kurzgeschichten, von denen einige bereits vor dem Romanerfolg, andere in der Zeit danach, entstanden seien, wie der Autor erläutert. Es seien Erzählungen über "Pechvögel, wie wir alle. Im Leben geht mehr schief als gut."
Das gebundene Buch holt der auf den ersten Blick jungenhaft wirkende Enddreißiger dann aus der schwarzen Leinentasche, die noch über seiner Schulter hängt. Er legt die Tasche unter den für ihn in der Buchhandlung "Buchstäblich" bereitstehenden runden Tisch, hängt seinen grünen Parka über die Stuhllehne. Nachdem er sich gesetzt hat, rückt er den Stuhl zurecht und schlägt das Buch mit den Worten auf: "Als erstes lese ich ,Abschied von Berlin'."
Mit einem leicht österreichischen Akzent beginnt er vorzutragen. Das Publikum lauscht gespannt, bis die ersten im Verlauf der Erzählung zu schmunzeln beginnen, an besonders komischen Passagen der Geschichte lachen weitere kurz auf. Der Autor liest versunken in seinen Text unbeeindruckt weiter. Dabei ist er ununterbrochen in Bewegung. Hält er zunächst das Buch in der linken Hand, während die andere Hand auf dem Oberschenkel liegt, wechseln die Hände ihre Plätze spätestens beim Umblättern. Auch Kopf und Rumpf sind beim Vorlesen aktiv. Der Kopf wiegt hin und her, der Oberkörper wippt vor und zurück. Diese Dynamik spiegelt sich in der Stimme, die das Erzählte mit Energie füllt.Starker Applaus des Publikums rundet den Vortrag dieser ersten Geschichte ab.
In der folgenden kurzen Pause, in denen für die Gäste etwas zu trinken bereit steht, stellt sich Arno Geiger freimütig den Fragen des Publikums, bevor er später noch eine zweite Geschichte liest. Die besten Erzählungen seien die, die eine enge Beziehung zum Leben hätten, erläutert er seine Sicht. Autobiografisch sei sein Schreiben im eigentlichen Sinne nicht. Aber sicher initiiert durch Begegnungen im eigenen Leben. So sei zum Beispiel die Titelgeschichte des neuen Buches aus der Erzählung eines Freundes entstanden. Dieser habe seine Tochter zu spät vom Kindergarten abgeholt und am nächsten Tag überall in der Wohnung Zettel gefunden, auf denen stand: "Anna nicht vergessen!" Als er davon gehört habe, habe ihn diese starke Reaktion des Kindes beeindruckt und er habe darin für sich ein literarisches Thema entdeckt. "
Das Vergessen prägt auch unser Leben", hebt der Autor hervor. "Es ist Rollenprosa", charakterisiert Geiger sein Schreiben, dessen zuvor gelesene Erzählung ein sehr genaues Beobachten des Alltags wie auch ein sensibles Hineindenken in die Protagonisten spiegelt, und er gibt zu: "Ich bin einfach ein sehr neugieriger Mensch." Das Schönste sei, mit dem Schreiben, wie ein Kind bei der Maskerade, in fremde Kleider zu schlüpfen. Dabei sei für ihn damit immer eine moralische Verpflichtung verknüpft.
Der wortgewandte Literat, der deutsche Philologie wie auch Literaturwissenschaft studierte, fasst zusammen: "Ich mache es mit großer Leidenschaft, weil ich merke, dass mein Leben dadurch reicher wird." Und sagt hinzufügend: "Es ist ein wunderbarer Beruf, wenn man Nerven hat." Denn einen Roman zu schreiben, sei ein langwieriges Geschäft, und ob man damit Erfolg habe, bleibe zunächst offen, zumal die deutsche Literaturkritik "keine Genierer", wie man im Österreichischen sage, habe.
Ob er selber lese, fragt eine Zuhörerin im anschließenden Gespräch. Der Autor bejaht: "Beim Lesen bekommt man das Leben in so einer Fülle." In der Angebotsmenge greife er nach dem, von dem er glaube, dass er es persönlich gerade brauche. Dabei könnte es gut sein, dass er ein Buch nur anlese. Bücher wie "Madame Bovary" habe er dagegen mehrfach gelesen: "Aus meiner Sicht der beste Roman." Er sei sorgfältig gearbeitet und charakterisiert durch eine intime Distanz. Allerdings, merkte Arno Geiger an, in einer Phase des Schreibens lese er nicht. Da schreibe er nur, und das meint der Schriftsteller wörtlich: "Dann peitsche ich es durch in möglichst kurzer Zeit."
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